Geistlicher Rundgang durch die Kirche

Geistlicher Rundgang
Ein geistlicher Leitfaden durch die Erlöserkirche Am Schüttel

Unser Gotteshaus ist
... eine Einladung für den, der ein wenig Ruhe sucht.
Dieses Haus ist offen für alle, die kommen, für Gläubige und Ungläubige, Gesunde und Kranke, für Glückliche und Unglückliche, für Menschen jeder Hautfarbe und Nation. Dieses Gotteshaus unseres Jahrhunderts ist bewusster Gegensatz zu Lärm und Berieselung. Gegensatz zur Aufdringlichkeit der Informationen und der Werbung, die deine und meine Sinne täglich in Beschlag nehmen. Deshalb haben wir Stadtmenschen gelernt, abzuschalten, damit uns all die Eindrücke nicht überwältigen. Hier muss ich mich nicht abschirmen. Hier kann ich mich öffnen. Noch ist es laut in mir, meine Sorgen und Pläne füllen mich aus, meine Erlebnisse zittern in mir nach. Erst langsam werde ich ruhig.

... eine Einladung für den, der mehr als ein wenig Ruhe sucht.
Ich suche ein Du. Ich suche Größeres, als ich selber bin. Ich will aussprechen können und gehört werden. Dieses Größere nenne ich Gott, und an IHM will ich mich sichern, denn ich will vertrauen können. Und ich suche Antwort auf meine Frage: „Warum?“ Ich suche Sinn.

... eine Einladung für den, der Sinn im Leben sucht.
Sinn erfahre ich durch meine Sinne. Dieses Haus gibt mir behutsame Zeichen und Hilfen, wenn ich bereit bin, Holz, Glas, Beton und Email in seinen Formen zu mir sprechen zu lassen. Dieses Haus kann Hilfe sein zur Begegnung mit Gott.

Unser Gotteshaus trägt den Namen Erlöserkirche.
Darum prägt die Kreuzesform dieses Haus. „Kreuz“- woran muss ich da denken?
Symbol von Angst und Not ... ich denke an Leid und Tod.
Symbol des Sieges ... ich denke an Auferstehung und Neuwerden.
Zeichen der Hoffnung, wie im Krieg das Rote Kreuz ... ich denke an Heilung, und Trost.
Zeichen der Begegnung, wie eine Straßenkreuzung ... Begegnung und Aussöhnung zwischen mir und Gott, zwischen mir und dir.
Zeichen des Glaubens ... mein Rettungsanker, meine Freude.
Ist das Kreuz Zeichen des Todes oder Zeichen des Lebens?
Oder Schnittpunkt von beiden?
Vor allem ist es Zeichen der Liebe.
Maßloser Liebe des unbegreiflichen Gottes.

Die Türen.
Schon in den Holzfeldern der Türen begegnet mir das Kreuz, die Andreaskreuze der Tore lassen mich ein.

Das Weihwasser.
Im Vorraum finde ich zwei Becken mit geweihtem Wasser. Einen Moment stehe ich still und schaue mein Leben an. Da ist manches in Unordnung, und ich spüre meine Sehnsucht nach Klarheit und nach einem neuen Anfang. Wasser löscht nicht nur den Durst, es reinigt auch. Also zeichne ich mit Weihwasser ein Kreuz auf Stirn, Mund und Brust - im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, - wie es bei meiner Taufe geschehen ist, zum Zeichen, dass ich zu Gott gehöre. Jetzt ist es auch Zeichen meiner Sehnsucht nach Versöhnung mit Gott, mit den Menschen, mit mir selbst.

Das Christusbild.
Im Raum zieht das einzige Bild, Christus, meinen Blick an. Der Hintergrund, das Goldmosaik deutet mir: Gott selbst ist es, der da für mich stirbt, gleichzeitig schimmert im Gold auch schon die Herrlichkeit der Auferstehung durch. Christus ist wahrer Gott, aber ebenso wirklich ist er als Mensch mein Bruder geworden. Weit sind seine Arme geöffnet, so als wollte er mich umarmen, mich an sich ziehen. „An dich habe ich gedacht, dass du glücklich wirst, das möchte ich. Weine nicht über mich, denn ich liebe dich. Du bist unendlich wertvoll, sonst hätte ich nicht mein Leben für dich gegeben. Aber nicht du allein, auch dein Bruder, deine Schwester sind liebenswert, siehst du es nicht? Sieh mich immer wieder an, dann lernst du mit meinen Augen zu sehen, mit meinen Ohren zu hören und mit meinem Herzen zu lieben.“

Die Seitenwände.
Nun betrachte ich die Seitenwände der Kirche. Sie sind von Kreuzen durchbrochen, denn die Liebe dringt durch Mauern. Sie durchbricht die Mauern des Schweigens, die Gefängnismauern des Egoismus, sie ist stärker als alles Trennende, wie hoch wir es auch aufgetürmt haben. Darum braucht unser Gotteshaus keine Fenster, einzig durch die Glassteine der Kreuzfelder dringt das Licht herein. Wie auch die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden nur dann hell ist, nur dann Licht für die Welt, wenn in ihr Liebe zu spüren ist.

Der Baustoff Beton.
In unserer Kirche ist nichts verkleidet. Beton, der Baustoff unserer Zeit, trägt das Haus, noch sieht man die Maserung der Schalungsbretter. So möchte auch ich sein, mich nicht verkleiden und verstellen müssen. Vor Gott darf ich sein, wie ich wirklich bin, auch mit meinen rauen, unschönen Seiten, mit all meinen Narben.

Die Apostelleuchter.
Rechts und links an den Pfeilern sind Leuchter und Kreuze - es sind zwölf - als Symbole der Apostel. Diese haben weitergegeben, was sie empfangen haben. Durch ihre Lehre und ihr Zeugnis des Glaubens sind sie die Säulen der Kirche geworden. Darum sind in jedem Gotteshaus die Apostelleuchter zu finden. An diesen Stellen wurde die Kirche bei der Weihe mit Chrisam, dem Öl der Könige, gesalbt. Seither haben ungezählte Frauen und Männer durch ihr Leben ihren Glauben bezeugt und weitergegeben. So ist der lebendige Glaube bis zu mir gelangt. In meinem Leben ist verloren, was ich habe und nicht weiterschenke, und sei es noch so wenig. Auch mein Glaube stirbt, wenn ich nicht anderen davon gebe, denn ich habe nur, was ich einsetze.

Der Kreuzweg.
Es braucht etwas Zeit, um an der linken Seite den Weg mit Christus zu gehen, der zum Kreuz führt. Der Künstler hat unseren Kreuzweg in einer seltenen Technik gestaltet, durch Verkleben verschieden gefärbter Glaselemente. Augen, Antlitz und Hände führen mich schmerzhaft nah an das Geheimnis des Leidens heran. Es gibt eine Erklärung zu jedem Bild, das Wesentliche erfasse ich aber nur mit dem Herzen.

Der Tabernakel.
Der Kreuzweg führt zur Seitenkapelle mit dem Tabernakel. Hier ist alles Gegenwart. Derselbe Christus, der in den Tod gegangen ist, real und schmerzlich, lebt hier als der Auferstandene. Er, der seine Gemeinde durch jeden Tag begleitet, ist im einfachen Brot - der Nahrung der Armen - wirklich da. Immer sind einige Hostien im Tabernakel, damit Kranken und Sterbenden jederzeit diese Speise gereicht werden kann. Christus ist das Wertvollste für mich, unbegreiflicher Gott und zugleich auch Mensch, mein Bruder, darum knie ich hier nieder.

Das Ewige Licht.
Das rote Lämpchen, das „Ewige Licht“, brennt in dieser Seitenkapelle Tag und Nacht, denn es ist Zeichen der Nähe, der bleibenden Liebe Gottes zu uns Menschen.

Die Schutzmantelmadonna.
Hier ist auch Maria, seine und unsere Mutter. Vor zweitausend Jahren hat sie ihn geboren, aber sie möchte Christus auch in mir zum Vorschein bringen. Sie kann mir helfen ihm ähnlicher zu werden. Hier ist sie als Schutzmantelmadonna dargestellt. Bei ihr findet Hilfe und Geborgenheit, wer immer sich ihr anvertraut.

Die Opferlichter.
Wenn ich hier ein Opferlicht anzünde, wird mein Gebet sichtbar: Freude und Schmerz, Bitte und Dank, meine Sorge um andere, eben alles, was ich vor Gott zur Sprache bringe. Könnte ich doch auch wie eine Kerze sein, anderen Licht und Wärme geben, nicht darauf achtend, dass ich mich dabei selbst aufzehre. Wenn auch ich in wenigen Minuten die Kirche wieder verlasse, die Flamme der Kerze wird noch eine Weile Zeichen meines Gebetes sein.

Die Osterkerze.
Links vom Tabernakel steht die Osterkerze, Symbol für Christus, das Licht der Welt. Darum wird sie auch in der Osternacht, da Christus vom Tod erstanden ist, zum ersten Mal entzündet. Sie trägt das A und das O (den ersten und den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets) - wie das Altarbild - zum Zeichen, dass Christus Anfang und Ende der Schöpfung ist, Ausgangs- und Zielpunkt des Lebens.

Das Taufbecken.
Auch bei jeder Taufe brennt die Osterkerze. Dann sagt der Täufling seinen Wunsch (bei der Kindertaufe tun es die Eltern und Paten für ihn):
"Ich möchte Christ werden und auch so leben. Ich widersage dem Bösen, um in der Freiheit der Kinder Gottes leben zu können", und er bekennt seinen Glauben an Gott den Vater, den Sohn und den Geist.


Dann wird der Täufling mit dem Wasser aus dem Taufbecken - es steht links im Altarraum - übergossen, und ist nun neugeboren, als Christ. Dieser Durchgang durch das Wasser macht Tod und Auferstehung an ihm deutlich. Das ist auch der Weg des Menschen: Durch alle Dunkelheiten hindurch immer wieder aufstehen zum Leben, zuletzt durch den Tod hindurch. Diesen Weg muss ich als Christ nicht allein gehen. Wenn ich ehrlich suche, erkenne ich in Christus - unter Mithilfe der Gemeinde - dass Gott mich ganz persönlich liebt, mir nahe ist. Das macht mir Mut und hilft mir, meine Fähigkeiten zu entfalten, meine Ängste zu überwinden, ich bleibe nicht in mir selbst gefangen. So kann ich wachsen und frei werden, ich lerne Liebe anzunehmen und selbst zu lieben. Nur das macht mich zutiefst froh.

Der Altar.
Der Altar ist Mittelpunkt unserer Kirche, denn er ist Zentrum des Lebens für die feiernde Gemeinde. Unser Altar ist ein einfacher Tisch aus Stein. Unter der Altarplatte sind die Reliquien der Heiligen Theodor und Valerie eingefügt. Sie erinnern mich an das Lebensopfer dieser Menschen, das in ihrer Beziehung zu Christus wurzelt.
Dieser Tisch wird uns gedeckt, wenn wir mit dem Priester gemeinsam die Heilige Messe feiern. Der Kommunionspender ruft mir zu: „Das ist der Leib des Herrn!“ „Amen“, so antworte ich, das heißt: „Ja, das glaube ich“, und so kann ich essen vom Brot, das Christus selber ist.
Die natürliche Nahrung erhält mich am Leben, wirkt in mir, kann mich gesund oder krank machen. Dieses Brot ist Nahrung für den ganzen Menschen, für Herz und Seele, all meine geistigen Kräfte. Christus in uns bewirkt, dass aus Fremden, Verstreuten, einander Gleichgültigen, schließlich Freunde, ja Geschwister werden. Wenn ich mir das gar nicht wünsche, wenn ich nicht leben will als Christ, dann ist es nutzlos und falsch von diesem Brot zu essen.

Der Ambo.
Links vor dem Altar steht der Ambo, das Lesepult. Das ist der Ort der Verkündigung des Wortes. Hier werden Lesungen, Evangelium und Predigt gesprochen. Dieser Platz ist hervorgehoben, erhöht, denn ebenso wie der Altar ist der Ambo Ort der Begegnung mit Gott. Am Altar begegne ich Gott im Brot, hier in seinem Wort, in der frohen, der befreienden Botschaft.

Die Sessio.
Rechts vom Altar ist die Sessio. In der Mitte ist der Platz des Priesters, der die Feier der Liturgie leitet. Rechts und links davon sind Sitze für den Diakon und die Ministranten, seine Helfer beim Gottesdienst.

Die Orgel.
Nun gehe ich an der rechten Seite wieder zurück. Ich schaue zur Orgel hinauf. Mit ihrem vollen Klang begleitet sie unseren Sonntagsgottesdienst. Sie macht mein Herz weit, sie animiert mich, nicht stumm zu bleiben, sondern einzustimmen in das Lob Gottes.

Der Beichtstuhl.
Heute bleibe ich vor dem Beichtstuhl stehen. Ich vergesse, was ich bisher im Hinterkopf hatte über die Beichte: Meine Vorurteile, meine Scheu, meine Zweifel, was das bringen soll. Ich schaue hinüber zum Kreuzweg. Ich schaue Jesus an. Der Unterschied zwischen seinem Tun und meinem, der ist gewaltig.


Da sind meine kläglichen Versuche mich vor mir selber, vor anderen, vor Gott zu rechtfertigen, meine Fassade aufzupolieren ... und er geht hin und stirbt für mich.


Da werde ich frei von Angst. Ich will es wagen, ich will einfach sagen, was mich belastet. Ich fürchte mich nicht vor Strafe, ich erwarte auch keine Belohnung, ... nein, ich bin einfach fassungslos, einer solchen Liebe gegenüber. Jetzt brauche ich meine Fassade nicht mehr. Mein Dasein genügt. Ich werde geliebt, ich bin akzeptiert, so wie eben ich bin.


Ich bewundere die Werke großer Künstler. Wir Menschen sind mehr, wir sind Gedanken des lebendigen, guten Gottes, seine Werke. Auch ich.


In meinem Denken, Reden und Tun war das nicht zu merken. Das reut mich. Nun bin ich bereit zu beichten. Vor Gott sage ich, was ich wünschte, dass es nie geschehen wäre. Der Priester ist nur Zuhörer. Durch den Dienst der Kirche sagt er mir im Namen Gottes die Vergebung zu. Er nimmt damit einen Rucksack von meinen Schultern.


Auch zu mir sagt Jesus: „Geh, und sündige nicht mehr, tu nicht mehr, was dir selber schadet und den anderen. Damit zerstörst du unsere Beziehung“, und fügt liebevoll hinzu: „Ich bin mit dir, ich werde dir Kraft geben.“ Da wächst meine Zuversicht, mein Herz wird froh. Diese Freude will ich weitergeben, gutmachen, was falsch war und neu anfangen.

Die Josefskapelle.
Ich gehe dem Ausgang zu, vorbei an der Türe zur Kapelle. Sie ist dem Heiligen Josef, dem Arbeiter, geweiht. Auf dem Wandbehang sind wichtige Ereignisse aus dem Leben dieses bescheidenen Heiligen dargestellt. Die Kapelle lädt mich ein, auch an Wochentagen in kleiner Gemeinschaft zu beten oder Gottesdienst zu feiern.

Nun verlasse ich die Kirche. Mein Herz ist ruhig geworden. Frohen Herzens trete ich ins Freie ... aber eins ist sicher, ich werde wiederkommen.

Komm auch du!


Text: Brigitte Dörner; Zusammenstellung: Wolfgang Kaes